Die Dynamik von Trauma

Trauma entsteht dann, wenn ein plötzliches überwältigendes Ereignis auf den Organismus trifft und weder Flucht noch Kampf möglich sind. Die ersten Reaktionen bei Trauma sind instinktiv, im Hirnstamm wird eine außergewöhnliche Energiemenge frei, die uns manchmal unvorstellbare körperliche Leistungen ermöglicht und oft lebenserhaltend  ist. Ist es dem Organismus aber nicht möglich diese Ladung an Energie aufzubrauchen, weil die natürlichen Reflexe keinen Ausdruck finden, weil flüchten oder kämpfen nicht möglich sind, so kommt es zu einem Zustand höchster Erregung gekoppelt mit gleichzeitiger Erstarrung. Die geballte Ladung an Energie kann nicht in Handlung, Bewegung, Kampf  oder Flucht umgesetzt werden und kann über Jahre zu den vielfältigsten Symptomen führen. Unruhe, chronische Verspannungen, Angst und Panik, Herzrasen, Aggression,  chronische Schmerzen, Schlafstörungen, Amnesien, Depression und vieles mehr können dann die Folge sein. Starke Traumata gehen auch häufig mit der Abspaltung von den eigenen Gefühlen einher (Dissoziation). Viele psychiatrische Erkrankungen wie zum Beispiel die Borderline Störung, die Essstörung u.a. haben häufig ihre Wurzel in einem oft  über Jahre traumatisierenden Umfeld.
Peter Levine ist der Frage nachgegangen, warum Tiere in freier Wildbahn so gut wie nie traumatisiert werden, obwohl sie ständigen Gefahren ausgesetzt sind und er konnte  dabei folgende Beobachtung machen: Ein Beutetier, das Gefahr wittert, wird zuerst einmal flüchten. Erst wenn der Jäger seine Beute erreicht, also unmittelbar vor dem  herannahenden Tod fällt das Tier in eine Erstarrung, die einerseits die allerletzte Überlebensstrategie darstellt, denn tote Beute ist im Tierreich oft uninteressant und andererseits das Tier in einen veränderten Bewusstseinszustand bringt, in dem es keinen Schmerz spürt, sollte es dennoch gefressen werden (Levine 1998).   
Die Traumadynamik beim Menschen unterscheidet sich nicht wesentlich davon. Die  unwillkürlichen, instinktiven Bereiche des menschlichen Gehirns sind faktisch identisch mit den betreffenden Arealen bei den Säugetieren und Reptilien. Der Schlüssel zur  Heilung von Traumasymptomen liegt daher in unserer Physiologie, ähnlich einem wildlebenden Tier, ist es auch für den Menschen von großer Wichtigkeit nach dem  Abklingen der akuten Traumasituation wieder aus der Immobilität und Erstarrung heraus zu kommen und seine volle Bewegungs- und Handlungsfähigkeit wieder zu gewinnen.
Ein Tier, das der Gefahr entkommen ist, schüttelt sich heftig ab und geht dann seinen üblichen Tätigkeiten wieder nach. Durch die meist unbewusste Einmischung unseres  Bewusstseins werden diese natürlichen Reaktionen unterbunden und die Traumareaktion kann keinen positiven Abschluss finden. Im menschlichen Organismus bleibt eine Überladung im Nervensystem zurück, und das oft über Jahre und Jahrzehnte.  
So gesehen ist die Traumasymptomatik keine Erkrankung, sondern ein Versuch des Organismus mit dieser Überladung fertig zu werden. Die Traumatherapie unterstützt den  Organismus dabei, diesen unvollständigen Prozess zu Ende zu bringen.