Gehirnfunktionen und Trauma

Neuere Ergebnisse der Gehirnforschung haben interessante Erkenntnisse gebracht, die in  Bezug auf das Verständnis von Trauma von großem Wert sein könnten. Dabei haben sich vor allem Amygdala und Hippokampus, zwei Regionen des limbischen Systems als  interessant erwiesen. Im limbischen System werden Erlebnisinhalte affektiv bewertet und emotionale Reaktionen ausgelöst. Es ist der Sitz der Überlebensinstinkte und Reflexe und beeinflusst unter anderem das autonome Nervensystem, das die glatte Muskulatur und die Reaktion der Organe auf Stress und Entspannung steuert und zwar auch auf traumatischen Stress:  Kampf, Flucht und Erstarren (Rothschild 2002).   
Amygdala und Hippokampus sind für das Verständnis von Traumaerinnerungen besonders wichtig. Die Amygdala verarbeitet Emotionen und Reaktionen auf stark  affektive Erlebnisse und ermöglicht deren anschließende Speicherung.
Der Hippokampus verarbeitet Informationen im Kontext einer Zeitlinie in der jeweiligen persönlichen Geschichte, sowie den genauen Ablauf des Erlebten selbst. Während die Amygdala zum Zeitpunkt der Geburt reif ist, entwickelt sich der  Hippokampus bis zum 3. Lebensjahr (Nadel und Zola-Morgan 1984). Unsere ersten Jahre werden von der Amygdala zwar verarbeitet und deren emotionaler und sensorischer Inhalt auch gespeichert, da der Hippokampus aber noch nicht voll funktionsfähig  ist, ergibt sich keinerlei Aufschluss über den Kontext oder die genaue Ereignisfolge. Gespeichert werden lediglich die mit den Ereignissen verbundenen Gefühle und Körperempfindungen. Dies ist auch der Grund, warum wir zu Ereignissen aus der Säuglingszeit eine andere Form des Kontakts herstellen müssen als über Erinnerung.   
Nur wenn Amygdala und Hippokampus voll funktionsfähig sind, können wir Ereignisse  ausreichend verarbeiten, insbesondere gilt dies für traumatische und sehr belastende Ereignisse. Bei großem Stress wird allerdings die Hippokampus Aktivität durch eine  längere Kortisolausschüttung unterdrückt, während die Amygdala unbeeinflusst bleibt. Dies könnte für die mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einhergehenden Erinnerungsverzerrungen die Ursache  sein.
Interessant ist auch die Verbindung von Amygdala und Hippokampus zum Kortex  (Großhirnrinde). Der rechte Teil des Kortex ist für die Speicherung von sensorischem Input zuständig und eng mit der Amygdala verbunden, alle sensorsichen Informationen  passieren auf ihrem Weg in den Kortex die Amygdala. Der linke Teil des Kortex dagegen hängt stark mit dem Hippokampus zusammen und die Verarbeitung von Informationen  ist hier sprachabhängig. Van der Kolk (van der Kolk, McFarlane & Weisaeth 1996) hat festgestellt, dass die Aktivität des Brocaschen Zentrums, das in der linken Kortexhälfte  angesiedelt ist und für den sprachlichen Ausdruck zuständig ist, während traumatischer Ereignisse ebenso wie der Hippokampus unterdrückt wird. In Momenten höchster Gefahr  sind wir meist sprachlos, es fehlen die Worte oder der Sprechapparat ist so angespannt, dass es nur sehr mühsam ist, Worte herauszubringen. Diese oder ähnliche Reaktionen  sind auch häufig, wenn Traumaenergie auftritt und deshalb ist die Kommunikation über die Empfindungsebene, das Machen von Angeboten etc. hier besonders wichtig. Man  kann von einem traumatisierten Menschen gar nicht erwarten, dass er differenzierte klare Aussagen vielleicht auch noch in der zeitlich korrekten Reihenfolge macht. Dies ist  nicht nur für die Therapie von Bedeutung, sondern auch  bei Zeugenaussagen vor Gericht geht.